OPENLAB
THE WITNESS

"Mich interessiert die Erweiterung des Bewusstseins durch Musik. Mit Erweiterung des Bewusstseins meine ich, dass alte Muster durch neue Muster ersetzt werden können." — Pauline Oliveros

Auf dem Höhepunkt der grossen Unruhen in den 1960er-Jahren zog sich die legendäre Komponistin Pauline Oliveros von öffentlichen Auftritten zurück und tauchte tief in Klangexperimente ein, die Linderung und Heilung beabsichtigten. Dafür prägte sie später den Begriff Deep Listening® – ein achtsames Herangehen, bei dem wir willentlich und aktiv in die Klänge um uns und in uns hineinlauschen statt sie auszublenden.

1989 komponierte Oliveros The Witness drei offene Strategien für das Zuhören, Einstimmen und Antworten auf die natürliche Umgebung und aufeinander. Mit dieser Komposition und ihrer Philosophie von Gemeinschaft und Zusammenarbeit sowie ihrer Praxis und Methode des Deep Listening® ist Pauline Oliveros seit vielen Jahrzehnten eine Inspiration für vielfältigste Projekte. The Witness ist einerseits ein Ergebnis von Openlab, andererseits aber auch das Leitprinzip und Konzept für die Forschungsprojekte des Openlab.

In einer Zeit, in der katastrophale Brände, Dürren, Abholzungen, Raubbau und weitere Folgen von Klimawandel und menschlichen Eingriffen unsere Welt radikal und rapide verändern, wird Oliveros’ Plädoyer für das achtsame Wahrnehmen der Klänge, Geräusche und Laute um uns herum immer dringlicher. The Witness stellt uns ein wichtiges Werkzeug zur Seite, das wir in den aktuellen kritischen Zeiten nutzen können, uns auf die lebendige Welt um uns einzustimmen, statt sie zu beherrschen – die Welt mit ihren verletzlichen Lebensräumen, die wir als Menschen mit ihren nicht-menschlichen Bewohnern teilen.

Openlab The Witness wurzelt in der Idee, dass die Kunst uns zusammenbringen kann – indem sie uns mit unseren Ursprüngen verknüpft, indem sie das Bewusstsein über die immer wieder neuen Herausforderungen schärft, vor denen unser Planet und die Menschheit stehen, indem sie uns nachhaltigere Lösungen nahebringt und eine tiefere Spiritualität nährt. Mit der Unterstützung von Kultur- und Bildungseinrichtungen weltweit versammelt Openlab Forschende die sich über Beobachtungen austauschen und klangorientierte Studien und Workshops durchführen. Die Forschungsarbeiten erreichen über die Multimedia-Plattform Openlab auch ein grösseres Publikum, unter anderem über eine weltweite Karte, ein Archiv des Klangwissens, eine Online-Radiostation und ein jährliches Festival in Zürich im Dezember.

Openlab 2022: Subsahara-Afrika und Südasien

Den Auftakt von Openlab The Witness im Jahr 2022 bilden Gemeinschaftsprojekte mit dem Schwerpunkt auf Subsahara-Afrika und Südasien, darunter die folgenden:

Der Punshilok-Wald im Bundesstaat Manipur im Nordosten Indiens war einst eine öde Hügellandschaft, niedergebrannt für den Reisanbau – bis lokale Freiwillige anfingen, Bäume zu pflanzen. So entstand ein üppiger Wald mit reichem Pflanzen- und Tierleben, der damit auch seine kulturelle und religiöse Bedeutung wiedererlangte. Der multidisziplinäre Künstler Chaoba Thiyam wird über das ganze Jahr hinweg Klang- und Tonaufnahmen des Waldes erstellen, mit verschiedenen Mitteln wie körperlichen Ritualen, althergebrachtem Wissen und visuellen Darstellungen arbeiten und das Projekt gemeinsam mit Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern vor Ort, einem Volkskundler und einem Naturschützer umsetzen.

Für das Volk der Chopi in der Provinz Inhambane in Mosambik hat die mbila (Plural: timbila), ein Xylophon aus Holzplättchen mit Resonanzkörpern aus getrockneten Fruchtschalen oder Kalebassen, weit mehr Bedeutung als nur als Instrument. Sie steht für eine harmonische Beziehung zur Natur, ein Ideal, das die Chopi-Gemeinschaft durchdringt. Da sich der Klimawandel dramatisch auf die Umweltbedingungen und somit auch auf die Landwirtschaft, die wesentliche Lebensgrundlage der Chopi, auswirkt, versucht dieses Projekt zu erkunden, zu verstehen und aufzuzeichnen, wie sich die Verbindung zur Natur im Glauben, Wissen und Brauchtum ihrer Vorfahren hergestellt hat. Unter Leitung eines meisterhaften Timbila-Spielers, Musikethnologen und Filmemachers wird das Team die oft unbemerkten Klänge des Ökosystems dokumentieren, die Instrumentenherstellung begleiten und erkunden, wie sich die Strategien der Chopi zum Umgang mit dem Wandel in ihrer Musik und Kultur widerspiegeln.

Ein Projekt in der Nähe von Bangalore im südindischen Bundesstaat Karnaka geht auf die trennenden Aspekte der Menschen untereinander, die Trennung des Menschen von der Natur und des Menschen von sich selbst ein, thematisiert die dominierende Kultur, die diese Trennungen verursacht und verstetigt, und versucht, Menschen in Kontakt mit einer 2,5 Milliarden Jahre alten Felslandschaft zu bringen, um die Frage zu stellen, wie wir unsere Umgebung bewohnen. Das Projekt unter Leitung der Performance-Künstlerin und Pädagogin Shabari Rao arbeitet mit Film, Ton, Text und Körper und fordert die Teilnehmer:innen auf, neue Formen des Kontakts mit diesem geologisch bedeutsamen Ort zu finden, die Verbindungen und Balance herstellen. Können wir uns leichter, unbelasteter durch einen Ort bewegen und uns den lebenden und nicht-lebenden Elementen öffnen, mit denen wir diese Welt teilen?

Openlab wächst weiter, denn in den nächsten Jahren werden transdisziplinäre Forschungsgruppen aus verschiedenen Regionen hinzukommen und die Kollaborationen zwischen den Beteiligten werden sich intensivieren. Im Jahr 2021 wurden Süd- und Nordamerika in das Projekt aufgenommen. Subsahara-Afrika und Südasien kamen 2022 hinzu, und das Projekt wird 2023 mit einem Schwerpunkt auf Ost- und Zentralasien, dem Nahen Osten und Nordafrika fortgesetzt.

__Julie Beauvais, Gründerin, Direktorin und Kuratorin von Openlab The Witness

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