RADIOPHONIC MONDAYS mit Jörg Köppl

Jörg Köppl
RADIOPHONIC MONDAYS mit Jörg Köppl
Zeit Montag, 5. September 2022
00:00-23:59
Genre Radio Art
stream
Programm

RADIOPHONIC MONDAYS MIT JÖRG KÖPPL (CH)

zellen-silben (a dreaming machine)
ist eine algorithmische Komposition, die inzwischen in verschiedenen Versionen und Sprachen in Zürich, Dartington (UK), an der Bienal de São Paulo (Brasilien) und am Tsonami-Festival in Valparaíso (Chile) aufgeführt wurde. Die Komposition besteht aus einer Sound- und einer Sprachebene, die beide von einem nichthierarchischen Algorithmus gesteuert werden, der aus neun interagierenden Zellen besteht. Diese steuern Klanggeneratoren und Sampler wie auch die Sätze, die sich aus mehrheitlich einsilbigen Wörtern zusammensetzen.

Bereits die Version in Valparaiso war mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Brasilianisch und Spanisch). Für die Anfrage von Radio Art Zone rückt die Mehrsprachigkeit verstärkt ins Zentrum, da das Werk einerseits in einer zweisprachigen Region aufgeführt wird und sich das Luxemburgisch gleichzeitig in einem Emanzipations-prozess vom Dialekt zur geschriebenen Sprache befindet. So werden die Sprachen in der neuen Version um Französisch und Luxemburgisch erweitert.

Context: Orpheé
Ein junger Mann sitzt im Auto und hört Radio. Das Auto fährt nicht; es steht in einer Garage. Der junge Mann lauscht fiebrig den manchmal absurden und manchmal poetischen Sätzen und schreibt sie auf. Es ist Orpheus, der Dichter. Die Radiostimme kommt aus einer anderen Welt. Unberührt orakelt sie vor sich hin. Die Erinnerung an den Film Orpheé von Jean Cocteau aus dem Jahr 1949 ist vage, aber dieses Radio gefiel mir und ist zu einem stillen Platzhalter dafür geworden, was ich mir unter Radiokunst vorstelle. Das Radio ist hier kein übermittelndes Medium, sondern wird selber zum handelnden Subjekt. Kein Gesicht steckt dahinter, keine Person – die Stimme fällt zusammen mit dem Gerät. Das Ganze balanciert auf der Membrane zu einer anderen Welt.

Wie surreale Träume können die zufallsgenerierten Sätze als Inspiration dienen, als Orakel, welches neue Denkperspektive eröffnet. Würfelmaschinen für die Namen Gottes in der Kabbala und die Zufallskompositionen von Cage (der mit I Ging arbeitete) teilen den Wunsch, den eigenen Vorspurungen zu entkommen.

Wenn jemand irr redet, liegt es oft nicht daran, dass er oder sie die Grundregeln der Logik nicht beherrscht, sondern daran, dass die eigenen Bedürfnisse nicht im durch Macht abgesteckten Gehege der als sinnvoll akzeptierten Grammatik formulierbar sind.

Neun interagierende Zellen
Der steuernde Algorithmus der algorithmischen Komposition ist nicht hierarchisch organisiert. Er besteht aus neun interagierenden Zellen und verhält sich in seiner Dramaturgie unvorhersehbar und dennoch musikalisch. Die Art und Wiese, wie diese neuen Zellen interagieren, ist weniger unserem Gehirn als unserer Gesellschaft abgeschaut. Die Zellen haben einerseits die Tendenz sich zufällig in einer Frequenzskala auf und ab zu bewegen. Andererseits suchen sie bei anderen Zellen nach harmonischen Verhältnissen (1:2, 1:3, 3:2, 3:4, 4:5 usw.) und passen sich diesen manchmal an. So steuern die Zellen Sinusgeneratoren wie auch die Abspielgeschwindigkeiten von neun Samplern. Abhängig von ihren Übereinstimmungen mit anderen Zellen, schwillt die Dynamik der einzelnen Zellen an- und ab. Etwas Ähnliches können wir bei Menschengruppen beobachten, die manchmal sehr laut werden, wenn sie sich synchronisiert haben. Durch dieses Prinzip werden die Samples musikalisch aufeinander bezogen und es ergibt sich eine lebendige Dynamik.

Samples
Als Lenkung für Sinusgeneratoren, Sample-Player und als Impulsgeber für die Wortfolgen produziert dieses Prinzip eine erstaunlich organisch wirkende Soundscape. Die gestimmten und getakteten Samples werden von Version zu Version angepasst, überarbeitet und ergänzt.

Silben
Die neun Zellen lösen in bestimmten Zeitabschnitten Impulse aus, die ein Archiv von aufgenommenen einsilbigen Wörtern ansteuern. Der Computer kreiert aus den Worten fortwährend denkbare Sätze, die den Zuhörenden – manchmal mehr und manchmal weniger – Sinn anbieten. Das Archiv ist nach Stimmlauten geordnet und die Sätze nach strikten Versformen (z. b. A – O – EI – AU). Die Einsilbigkeit der Wörter und die Wortauswahl, die auch Slang und Kraftwörter miteinbezieht, erzeugen einen rauen und unmittelbaren Charakter. Was sie erzählen, erinnert an Orakelsprüche oder Traumerzählungen. Berühren das Sinnhafte und kippen zurück in surreale Szenarien. Durch Interaktionen zwischen den verschiedenen Stimmen (Sprachen), durch wechselnde Versformen und emotionale Aufladung entwickelt sich eine stimmungsvolle Metaerzählung.

Im Gegensatz zu den Bemühungen der ”künstlichen Intelligenz”, die versucht, mit Maschinen sinnhafte Aussagen zu erzeuge, trachtet zellen-silben (a dreaming machine) nach dem Gegenteil: Unsere mentalen Prägungen produktiv zu stören.

zellen-silben (a dreaming machine) wird unterstützt durch pro helvetia, swiss arts council und Caroline Döhmer, Zentrum für Luxenburgische Sprache.

Dies ist ein Ausschnitt aus zellen-silben (a dreaming machine). Aktuell liegen SONIC MATTER nicht die erforderlichen Rechte vor, das gesamte Radiokunstwerk im Rahmen der SONIC MATTER_radio REPLAY Option abzuspielen. Für weitere Informationen oder Zugang zu diesem Werk verweisen wir auf den folgenden Link:

audiokunst.ch/w02-zellen-silben.html

Photo: Frederic Meyer / Zeichnung, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Photo Credit Frederic Meyer
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