Erzählungen kuratieren und ihre Bedeutungen erspüren

Das sensorische Erleben der eigenen Umgebung als Ausgangspunkt für bedeutungsvolle Kunst

Gastbeitrag von Rim Irscheid

Was denken, fühlen, hören wir, wenn wir an Beirut denken? Welche Bilder entstehen vor unserem inneren Auge? In meiner Forschung zu kuratorischen Narrativen über die SWANA-Region und Libanon im Besonderen bin ich oft mit Klang- und Bildmaterial aus der libanesischen Nachkriegszeit und von Protesten konfrontiert, das den Widerstand ins Zentrum stellt - ob mit visuellen Mitteln oder mit akustischen Stadtimpressionen, die mit Widerstandsnarrativen assoziiert werden. Es ist bekannt, dass die letzten Jahrzehnte, die libanesische Musiker:innen durchlebt haben, von Bürgerkrieg, einer fürchterlichen Explosion, strikten Lockdowns und regionalen Konflikten geprägt waren. Viele dieser Künstler:innen haben ihre Erfahrungen von Schmerz, Angst, Resilienz und Identität in Musik, Kunst, Memoiren oder Graphic Novels festgehalten, unter ihnen Lina Ghaibeh, Mazen Kerbaj und George Khoury (Jad).

Jedoch haben politisch aufgeladene Narrative und kuratorische Entscheidungen in europäisch-amerikanischen Ausstellungskontexten, wie zum Beispiel eine sensationsheischende Fixierung auf Musik als Symbol des Widerstands, unser Wissen über die Region in einer Art geformt, die binäre Vorstellungen von Tradition und Moderne befeuert. Bei genauer Betrachtung von Musik und Kunst, die von der Umgebung, in der sie entsteht, beeinflusst ist, nicht aber von ihr bestimmt wird, wird der Prozess kultureller Kreation in Krisenzeiten evident. Sie bringt uns dazu, das interdisziplinäre Wesen von Kunst, die in urbanen Zentren entsteht, zu reflektieren, und die Methoden, mit denen Künstler:innen ihre Erfahrungen in sinnlich erfassbare Formate übersetzen.

Cynthia Zaven: «Kingdom» (Video Still)

Cynthia Zaven: «Kingdom» (Video Still)

Im Bereich der zeitgenössischen Musik und Klangkunst aus Beirut haben Künstler:innen wie Cynthia Zaven und Jad Atoui ein breites Spektrum von Erfahrungen und biografischen Details für Hörer:innen und Zuschauer:innen in Libanon und weit darüber hinaus in diverse Texturen übertragen. In Datensammlungen, Worten, Bildern, Klängen und Objekten machen sie erfahrbar, wie die Menschen in der Stadt auf einer sinnlichen Ebene mit ihrer urbanen Umwelt interagieren.

Im Gespräch mit der in Beirut lebenden Künstlerin Cynthia Zaven, deren Videoarbeiten beim SONIC MATTER Festival 2023 im Kunstraum Walcheturm vertreten sein werden, habe ich erfahren, dass sich gute Kurator:innen und Musiker:innen dadurch auszeichnen, dass sie grosszügig sind beim Hören. Ein Hören, das zum Beispiel wichtig ist für ihre für das Ensemble Modern entstandene Echtzeitkomposition «12 Districts»: ein Stück, in dem eine Karte der zwölf Bezirke von Beirut als Ausgangspunkt für einen Dialog zwischen den verschiedenen Klanglandschaften der Stadt dient. Die Fähigkeit, unserer Umgebung genau zuzuhören, hilft uns, zwischen Geräusch und Klang zu unterscheiden, Klänge und Bilder zu kontextualisieren und sie in ein zugängliches Narrativ einzubinden:

«Es beginnt alles mit dem Ohr: Wenn du dir deiner Umgebung bewusst bist, öffnest du dich anderen Möglichkeiten, Erzählungen und Wirklichkeiten. Hören zu lernen ist der Schlüssel dazu – nicht nur für Musiker:innen, sondern für uns alle. Je grosszügiger du hörst, desto besser verstehst du deine Umgebung», so Zaven.

Performance Jad Atoui: «Vibrant Pools» @ Café OTO London (2023)

Performance Jad Atoui: «Vibrant Pools» @ Café OTO London (2023)

Jad Atouis Arbeit zeigt auf, dass es nicht das politische Umfeld an sich ist, das verschiedene Formen des Zuhörens und der sinnlichen Erfahrung von künstlerischen Erzählungen ermöglicht. Es ist vielmehr die Art und Weise, in der der Künstler uns durch die Wahl des Mediums (z. B. Videoinstallation, Klanginstallation, elektroakustische Komposition usw.) und die Narrationsmöglichkeiten des Formats Zugang zur Auseinandersetzung mit diesem Umfeld verschafft. In der Beiruter Kunstszene wurden Utopien und alternative Zukunftskonzepte erforscht, aber auch die Wiederverwendung von Rohstoffen wie Holz oder Metall als Klangträger. In seiner für das Beirut Art Center entstanden Installation «Trigger» macht Jad Atoui den Klang von Protesten durch physische und visuelle Schwingungen erfahrbar und öffnet so zusätzliche sensorische Zugänge zu dem klangbasierten Storytelling seiner Arbeit.

Ähnlich geht er auch in seiner Installation «Vibrant Pools» von 2023 vor, die vom Festival Irtijal mit in Auftrag gegeben wurde und beim SONIC MATTER Festival zu sehen sein wird. Das Werk ist inspiriert von seiner Arbeit in der Wiener Gehörlosengemeinschaft, die ihn veranlasste, sich mit haptischen und anderen sinnlichen Erfahrungen des Hörens auseinanderzusetzen. Sie besteht aus mehreren vibrierenden Schlagzeugbecken und Vasen, von denen alle über ihre eigenen Resonanzräume und Tonhöhen verfügen. Unter den Platten angebrachte Transducer verstärken die Oberflächenschwingungen, sodass die Klangtextur sich verändert, sobald man einen Gegenstand auf die Platten legt.

Zeitgenössische Kunst- und Klangarbeiten zeigen uns, wie wir durch das Hören eine tiefere Verbindung zu unserer Umgebung knüpfen können. Doch erst die Art der Übersetzung ermöglicht es uns, den Klang in seinem politischen und kulturellen Kontext zu verstehen – vorausgesetzt, wir sind bereit, grosszügig zuzuhören.


Über die Autorin

Rim Irscheid ist eine deutsch-palästinensische Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin, die in Grossbritannien lebt. In ihrer Doktorarbeit am King's College London beschäftigte sie sich mit Kurationskritik, kollektiver Klangproduktion und dem Aufbau von Institutionen unter der Leitung von Künstler:innen im Libanon und in Deutschland. Irscheid hat einen Master in Ethnomusikologie von der University of Oxford und einen Bachelor in Musikwissenschaft und Psychologie von der Universität Heidelberg. Seit 2019 kuratiert Irscheid das Planet Ears-Symposium für internationale und zeitgenössische Kultur in Mannheim (Deutschland). Im Januar 2024 wird sie ihre Postdoc-Forschung im Bereich zeitgenössische Musik und Kuration am King's College London aufnehmen.