ONCE UPON A SOUND

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ONCE UPON A SOUND
Zeit Samstag 03. Dezember 2022
20:30 – 21:30
Venue GESSNERALLEE / Stall 6
Gessnerallee 8
CH-8001 Zürich
Genre Listening Session
Teilnehmende
  1. Roman Bruderer aka DJ Doktor Rotman
  2. Iva Sanjek
Beschreibung

Geeignet für alle, die gern gemeinsam klingenden Lebensgeschichten lauschen.

Programm

Co-Listening & Workshop-Präsentation Listening Sessions


Iva Sanjek – Konzept und Leitung Listening Sessions
Roman Bruderer aka DJ Doktor Rotman, Peter Nussbaumer, Iva Sanjek – Workshop-Leitung
Schüler:innen der Kantonsschule Im Lee – Performers / DJ-Trainees
Kaspar König – Beratung

Beschreibung

Unsere Ohren legen in uns ein Archiv aus Klängen an, die unser Leben begleiten. Mit ihnen verbinden wir Gefühle, Beziehungen, Situationen oder Orte. Teilen wir sie mit anderen, können sie Nähe erzeugen – auch zwischen Fremden und gerade dort, wo Worte zu kurz greifen. Seit dem Herbst lauschen Teilnehmende der Listening Sessions gegenseitig ihren Lebenswelten und verarbeiten ihre Eindrücke in DJing-Workshops. Zum Abschluss der Reihe laden sie zu einem offenen Co-Listening ein.

Koproduktion: Kantonsschule Im Lee Winterthur, Kooperation: Gessnerallee

Beschreibung

DIE TONSPUR DES ALLTAGS

Was ist eigentlich «Listening» – ein Essay von Iva Sanjek


«Listen to everything all the time and remind yourself when you are not listening. And just don’t tune out.» – Pauline Oliveros


Zuhören ist etwas, das die meisten von uns tagtäglich tun – man könnte also meinen, wir wären sehr gut darin. Aber hören wir wirklich genau zu? Schenken wir den Klängen um uns herum genügend Aufmerksamkeit?

Wir können nicht aufhören zu hören – unaufhörlich sind wir einer Flut von Schallinformationen ausgesetzt, denn das Ohr kann nicht verschlossen werden wie das Auge. Wir sind es gewohnt, die für uns wichtigen Inhalte, etwa direkte sprachliche Informationen in einer Unterhaltung herauszufiltern. Die Geräusche und Klänge, die uns im täglichen Leben begleiten, blenden wir aus. In unserer visuell ausgerichteten, mediengesättigten Welt schrumpft die Wahrnehmung der alltäglichen Klangsphäre. Mit aufgesetzten Kopfhörern isolieren wir uns zusätzlich, um uns auf virtuelle Plattformen zu begeben. Geräusche, die uns umgeben, sind uns so vertraut, dass wir sie kaum noch hören. Erst wenn sie fehlen, vermissen wir sie, wie beispielsweise zu Zeiten des ersten Lockdowns vor zwei Jahren, als die Stadt Zürich, wie so viele Orte auf der Welt, plötzlich still und unheimlich wirkte ohne die vertraute Geräuschkulisse von Kindergeschrei auf Spielplätzen oder das Grundrauschen des Verkehrs.

Mit der simplen Frage «Was blende ich jetzt gerade beim Zuhören aus?» öffnet sich ein Wahrnehmungsraum für die Tonspur des Alltags.

Nicht alle Arten des Zuhörens sind gleich. In Wahrheit umgibt uns die ganze Zeit eine unglaublich vielfältige Klangwelt. Wenn wir uns einmal darauf einlassen und bewusst einen Lauschwinkel einnehmen, kann das unsere Wahrnehmung für die äussere und innere Umgebung schärfen.

Sich auf Geräusche zu konzentrieren, sie zu unterscheiden oder sie zu beschreiben, Bilder und Ausdrücke für Klänge zu finden, ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn man nicht nur die Geräuschquelle nennen möchte: Den Regen als «Regen» zu bezeichnen, ist einfach. Schwieriger wird es, das Rieseln, Tröpfeln, Schütten zu beschreiben – die Sprache der Geräusche zu sprechen.

Klang trägt Informationen über die Welt, die wir mit anderen Sinnen womöglich verpassen würden. Zuhören ist eine Art, die Welt kennenzulernen, die unsere Wahrnehmung erweitert. Schall breitet sich um Ecken und durch Wände aus, von Orten, die nicht sichtbar sind. Zudem können wir heute mit der Entwicklung neuer Technologien hören, was früher undenkbar war, zum Beispiel das Innenleben von Pflanzen oder schmelzenden Gletscherzungen akustisch wahrnehmen.

Pauline Oliveros, die Komponistin, Pionierin der elektronischen Musik, Improvisatorin und Klangaktivistin unterscheidet das genaue, achtsame Lauschen von simplem Hören. Blosses Hören ist ein rein physiologischer, absichtsloser Vorgang. Das «Deep Listening»®, genaues Hinhorchen, bezieht hingegen all unsere Sinne und Modalitäten des Denkens, Fühlens oder Träumens, den gesamten Körper mit ein. Er wird zum Resonanzraum.

Wesentlich scheint mir dabei das Nichtsprachliche, das semantisch zunächst nicht zu fassen ist. Wenn wir das vernünftige, kontrollierende Stirnhirn ruhen lassen, öffnen wir uns tieferen Bedeutungsschichten, die im Körper gespeichert sind. Töne, Vibrationen, mit der Stimme erzeugt, legen dieses Wissen frei, als Ausdruck des eigenen Selbst oder vielleicht eines unbewussten Gefühlszustandes. Wenn wir den Energien folgen, die sich gängigen Bezeichnungen entziehen. Wir hören ganzheitlich zu. Wenn wir mit Anderen und mit allem was in unserer Umgebung ist in Resonanz kommen, spiegelt sich beim Listening nicht nur das intellektuelle Selbst, sondern auch das rohe, fragile, lärmige, rebellische oder das stille Selbst. Dieses wird zuhörend durch Schwingungen berührt und fühlt sich dabei anders verstanden.

Etwas erst einmal «nur» zuhörend wahrzunehmen, heisst also oft, es noch nicht sofort einordnen zu können. Die Schwebewahrnehmung aushalten, eine Spur, eine Ahnung – etwas, das irritiert, das gehört werden will, doch es ist noch nicht ganz klar, was es ist.

Können wir lernen, den Stimmen und Klängen zuzuhören, die sich unseren üblichen Bedeutungsregistern entziehen? Können wir neuen Mustern nachspüren, um uns auf die Materie, die Energien des nichtmenschlichen oder «mehr als menschlichen» Lebens, das uns umgibt einzustimmen?

Wenn ich akustische Strukturen in meinem Alltag wahrnehme, fühle ich mich mittendrin, als Teil davon auch wenn ich optisch davon getrennt bin – bei Geräuschen in der Wohnung, in der Bibliothek, im Wald oder beim Soundtrack im Kino.

Zuhören bedeutet, unsere Aufmerksamkeit unserer klangliche Umgebung zuzuwenden, gleichzeitig wirkt die Klanglandschaft auf uns ein – Schallwellen finden ihren Weg durch den Gehörgang, über das Trommelfell ins Innenohr, in unsere Nebenhöhlen und lassen unsere Eingeweide mitschwingen. Genau hinzuhören bedeutet, den gesamten Körper einzubeziehen, um sich auf die Welt und ihr Klanggeschehen einzulassen.

«The ear hears the brain listens the body senses vibrations» – Pauline Oliveros



Literatur:

Pauline Oliveros, «Quantum Listening: From Practice to Theory (to Practice Practice)», New York 1999. [online] https://soundartarchive.net/ar...

Pauline Oliveros, «Deep Listening, a composers practice», New York 2005

Salomé Voegelin, «Listening to Noise and Silence. Towards a Philosophy of Sound Art», London/New York 2010

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